© Dr. Ulrich Hermanns Ausstellung Medien Transfer GmbH

Die Idee

Als Teil der Leibniz-Gemeinschaft möchte das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) neue und nachhaltige Wege des Austausches mit der Gesellschaft beschreiten. In diesem Kontext entstand in Mannheim schon vor einigen Jahren die Idee einer Ausstellung rund um die deutsche Sprache, die die Forschungsergebnisse des IDS einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Da jede Besucherin und jeder Besucher den Ausstellungsgegenstand – ihre oder seine eigene Sprache – selbst mitbringt, wurde das Vorhaben gedanklich erweitert: Was wäre, wenn sich Interessierte während oder nach dem Ausstellungsbesuch durch Sprachspenden selbst an der Ausstellung beteiligen und sie so mitgestalten könnten? Was wäre, wenn diese „Sprachspenden“ die Grundlage für Forschungsprojekte über den gegenwärtigen Sprachgebrauch darstellen? Und wenn die Ergebnisse wiederum neue Vermittlungsformate inspirieren? So entstand im Jahr 2018 das Konzept für ein Dokumentationszentrum der deutschen Sprache (Arbeitstitel), welches vier Funktionsbereiche –  Vermittlung, Erhebung, Forschung und Veranstaltung – eng miteinander verzahnt. Lesen Sie hierzu auch den Artikel von Prof. Dr. Henning Lobin Ein CERN der deutschen Sprache.

Die Realisierung

Die Neuausrichtung des geplanten Museums als Dokumentationszentrum der deutschen Sprache, welches eine dauerhafte Überschneidung des innerwissenschaftlichen und des öffentlichkeitsbezogenen Diskurses ermöglicht, fand spontan Unterstützung.

Das Land Baden-Württemberg fördert das Konzeptionsprojekt seit Mitte 2019 bis Ende 2021 mit einem Zuschuss von insgesamt rund 329.000 €.  Mittels dieser Unterstützung wurde am IDS eine Projektmanagerin eingestellt und das Büro Dr. Ulrich Hermanns Ausstellung Medien Transfer GmbH (Münster) mit der Erstellung einer Rahmenkonzeption für das Dokumentationszentrum beauftragt. Der sogenannte Masterplan wird in enger Zusammenarbeit mit dem IDS entwickelt und soll im Herbst 2020 vorliegen. Der Bund und alle Bundesländer, dabei besonders das Land Baden-Württemberg, werden perspektivisch über das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache den wissenschaftlichen Betrieb tragen, das IDS gründet zudem eine eigene Betriebsgesellschaft. Ferner sind Fundraising-Kampagnen zur Finanzierung des musealen Dauerbetriebes vorgesehen.

Bauherrin des Forums Deutsche Sprache ist die Klaus Tschira Stiftung, die dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache das Gebäude inklusive der ersten Dauerausstellung schenken und zuvor einen Architekturwettbewerb ausloben wird.

Die Stadt Mannheim hat im Mai 2020 der Ansiedlung des Forums Deutsche Sprache am Alten Meßplatz zugestimmt. Ein Grundstück auf der südlichen Platzhälfte wird zinsfrei im Erbbaurecht zur Verfügung gestellt werden.

Weiterentwicklung als Forum

Im Rahmen der Masterplanung kristallisieren sich sowohl für die Inhalte der Ausstellung als auch für das Betriebskonzept als Ganzes Schwerpunkte heraus. Die Grundkonzeption als Forum, also als öffentlichem Platz, an dem sich Menschen begegnen und miteinander sprechen, lag angesichts des Themas Sprache nahe. Die Begriffe Museum, Werkstatt und Archiv konkretisieren das Vorhaben: Im Forum soll (deutsche) Sprache ausgestellt, produziert und verarbeitet sowie gesammelt und bewahrt werden.

Vorgesehen ist ein modularer Aufbau, in dem alle Funktionsbereiche miteinander vernetzt sind. In der einschlägigen Projektgruppe wurden Anfang 2020 die Module „Begegnen und Erleben“, „Ausstellen und Vermitteln“, „Lernen und Dokumentieren“, „Veranstalten“, „Forschen und Vernetzen“ und „Verwalten“ definiert. Die Ausstellung selbst möchte auf unterschiedliche Arten möglichst breit gefächerte, diverse Zielgruppen ansprechen und vorrangig sprachliche Themen behandeln, die von gesellschaftlicher Relevanz und von öffentlichem Interesse sind. Die Vermittlungsziele gehen über das reine Verständnis der Sprache und ihrer Erforschung hinaus: Die Beschäftigung mit den Ausstellungsobjekten soll auch eine Verbesserung des Reflexionsvermögens gegenüber sprachlichen Beeinflussungsversuchen (Stichwort Fake News/Framing) und eine Erhöhung von Toleranz gegenüber sprachlicher Varianz und sprachlichem Wandel ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Vermittlung in der Ausstellung durch innovative Formate, die einen Dialog zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft anstoßen, erweitert wird. Von (thematischen) Führungen, vielfältigen Veranstaltungsformaten bis hin zu Werkstätten und Laboren für Projektarbeit und Bürgerwissenschaften soll das Angebot reichen. Es ist vorgesehen, auch die Option seine eigene Sprache zu „spenden“ eng mit den Exponaten zu verknüpfen.

Das Forum Deutsche Sprache möchte für die Region und darüber hinaus ein gewinnbringender außerschulischer Lernort sein und plant eine enge Zusammenarbeit mit Verantwortlichen aus dem gesamten Bildungsbereich. In diesem Kontext ist auch ein designiertes Angebot für Kindergarten- und Grundschulkinder vorgesehen.

Die Ausstellung

Wie leben wir mit und in der deutschen Sprache?

Auf einem Rundweg durch die Dauerausstellung sollen die Besucherinnen und Besucher Antworten auf diese Leitfrage erfahren. Sie bewegen sich dabei chronologisch durch unterschiedliche Lebensphasen, beginnend mit dem Säuglings- bis hin zum Seniorenalter. In jeder dieser Phasen entfaltet sich eine eigene Welt, die offenbart, wie der Mensch in unterschiedlichen Stadien und Dimensionen seines Bewusstseins mit Sprache in Berührung kommt. Wann genau beginnt eigentlich der Erwerb der Muttersprache? Welchen Einfluss haben schulische Lernerfahrungen auf den eigenen Sprachgebrauch? Wie wird die eigene Sprache durch Medientechnik beeinflusst, wie vermittelt sie als Medium Liebe, Hass, Gewalt – kann Sprache womöglich sogar gefährlich werden? Welchen sprachlichen Fußabdruck werden wir irgendwann hinterlassen? Kurz gesagt: Wie leben wir alle MIT der deutschen Sprache?

Neben der Reflexion der individuellen Spracherfahrung in den einzelnen Lebensphasen wird durch zentrale Kernbereiche die Sprache in der Dauerausstellung auch als übergeordnetes System erfahrbar. Dort wird den Besucherinnen und Besuchern bewusst, dass jede und jeder auch IN der (deutschen) Sprache lebt. In diesen Meta-Bereichen der Ausstellung, die räumlich und inhaltlich mit dem Lebenszyklus (quer-)verbunden sind, werden Themen wie beispielsweise Sprachgeschichte, Sprache und Medien, Varianten und Dialekte des Deutschen oder auch der kontinuierliche Sprachwandel beleuchtet.

Die Einbindung von „Sprachspenden“ der Besucherinnen und Besucher (beispielsweise Dialekt-Aufnahmen, anonymisierte Chats, persönliche Einstellungen zu sprachlichen Phänomenen) ist ein zentrales wissenschaftliches Anliegen im Forum Deutsche Sprache.  Auch innerhalb der Dauerausstellung gibt es immer wieder die Möglichkeit, die eigene Sprache zu spenden und somit selbst spontan an der systematischen Erforschung der Alltagssprache mitzuwirken. Gleichzeitig werden einzelne digitale „Erhebungsstationen“ die individuelle Sprachspende unmittelbar und für die Spenderin/den Spender nachvollziehbar verarbeiten und ein Feedback generieren. Denkbar ist dies unter anderem bei Exponaten, die sich mit individuellen Spracheinstellungen oder regionalen sprachlichen Varietäten befassen.

Der Zauberwald der deutschen Sprache

Der Zauberwald der deutschen Sprache ist ein themenbezogener Erlebnisbereich für Kinder im Alter zwischen dem ersten und dem siebten Lebensjahr. Das Konzept ermöglicht Kindern, die noch nicht oder gerade erst lesen und schreiben können, einen anregenden und sinnlichen Einstieg in das zentrale Ausstellungsthema „deutsche Sprache“. Es berücksichtigt multilinguale und interkulturelle Ansätze und spiegelt die Vielfalt der Mannheimer Stadtgesellschaft und der Metropolregion Rhein-Neckar wider, die als primäres Zielpublikum für dieses Angebot zu sehen ist.

Der Bereich ist kein Ort der Wissensvermittlung von oben nach unten, vom Erwachsenen zum Kind, sondern ein Ort des Miteinanders, der gemeinsamen Erfahrungen und des Dialogs. Gemeinsam, partizipativ und interaktiv wird hier Neues und Unerwartetes entdeckt und entwickelt. Der Zauberwald fordert die Neugier und Beobachtungsgabe der Kinder heraus, da sie ihn und die darin verborgenen Welten selbstständig erkunden können. Von der Entdeckung verschiedener Sprachen im Wald ausgehend kann den Kindern ein Gefühl dafür vermittelt werden, wie vielfältig und wertvoll die eigene sprachliche Lebenswelt ist – gerade auch im Hinblick auf die Mehrsprachigkeit vieler Kinder.

Die Förderer und Fürsprecher

Sowohl die Stadt Mannheim, vertreten durch den Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, als auch das Land Baden-Württemberg, vertreten durch den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Theresia Bauer, unterstützen das Vorhaben aktiv. Der Ministerpräsident sieht im Forum Deutsche Sprache „ein wichtiges Projekt zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Gesellschaft, das sich mit seinem Gegenstand, der Sprache, in besonderer Weise dazu eignen kann mit vielversprechenden Perspektiven auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern“.

Prof. Dr. Carsten Könneker, Geschäftsführer der Klaus Tschira Stiftung, beschreibt die Pläne zum Forum wie folgt: „Die Sprachforschung ist heute auch in hohem Maße eine datengetriebene Wissenschaft. Das Forum Deutsche Sprache wird nicht nur allen Bevölkerungsschichten einen niedrigschwelligen Zugang zu dem reichen Wissen über die deutsche Sprache ermöglichen, sondern die Menschen auch aktiv an der linguistischen Forschung beteiligen. Dieses innovative Konzept passt sehr gut zu den drei Bereichen Bildung, Forschung und Wissenschafts-kommunikation, welche die Klaus Tschira Stiftung seit 25 Jahren fördert.“

Der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft Prof. Dr.-Ing. Matthias Kleiner befürwortet das Projekt als eine wertvolle Ergänzung der Aufgaben der Leibniz-Gemeinschaft in Bezug auf Forschung, Forschungsinfrastruktur und Vermittlung von Wissenschaft in die Öffentlichkeit.

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